Samstag, 12. Januar 2013

Jommeke Band 99 (Belgien)

Ich beginne mit diesem Artikel eine Reihe, welche Jommeke-Alben vorstellt, die noch nicht auf Deutsch erschienen sind. Jommeke-Interessierte erhalten so einen Einblick in die Vielfalt dieser fantastischen Comic-Reihe, von der in ihrem Ursprungsland Belgien bereits über 260 Alben erschienen sind.
Beginnen möchte ich mit Band 99, weil dieser deutliche Parallelen zum zuvor besprochenen Band Kinderherrschaft aufweist. Die Sprechblasen der Bildbeispiele wurden von mir übersetzt.


Im Jahr 1980, das hundertste Album stand kurz bevor, schufen Jef Nys und seine Mitarbeiter das bizarrste aller Jommeke-Abenteuer: De grote Knoeiboel (dt. etwa "Der grosse Pfusch").
Im Mittelpunkt steht ein Wundertrank Professor Gobeleijns, der den Menschen eigentlich zu einer Art "Superwesen" hätte transformieren sollen. Wie bereits in vielen Geschichten zuvor (siehe etwa Kinderherrschaft) gelangt dieses Mittel durch die Wasserversorgung in die Haushalte - und richtet furchtbaren Schaden an.

In Band 15 wuchsen den Einwohnern Zonnendorps Schwänze, in Band 28 waren es lange Haare und Superkräfte, in Band 36 Flöten-Nasen, in Band 26 wurden die Kinder erwachsen, während die Erwachsenen infantil wurden (siehe der deutsche Band 3, Kinderherrschaft); in Band 86 schliesslich liess Gobelijn den Zonnendorpern Rüssel wachsen. Jef Nys schien das Schema "Wundertrank verändert via Wasserversorgung die Einwohner eines ganzen Dorfes" besonders geliebt zu haben: Bis Band 99 verwendete er es mindestens sechs Mal.
Mit Band 99 setzte er dem ein Ende, wohl weil er einsah, dass es zu deutlich nach Ideenrecycling aussah. Dieses "letzte Mal" gestaltete er gleichzeitig als absurden Höhepunkt seiner "Veränderungsstorys", denn was hier mit den Zonnendorpern passiert ist derart bizarr, dass es zumindest innerhalb dieser Serie nicht mehr übertroffen wurde.

Die Geschichte beginnt mit einem seltsamen, entfernt an Professor Gobelijn erinnernden kugelförmigen, arm- und mundlosen Wesen, das plötzlich in Jommekes Garten auftaucht. Schon bald wird klar, dass es sich dabei tatsächlich um den Professor handelt - in grotesk veränderter Form.
Anhand von Notitzen, die er in Gobelijns Labor findet, kommt Jommeke den Ereignissen auf die Spur: Das kugelige Gobelijn-Wesen ist das Resultat eines Selbstversuchs mit einem neuen Veränderungsserum. Da dieses offensichtlich nicht den gewünschten Erfolg zeitigt, soll es schnellstmöglichst vernichtet werden, gerät aber fälschlicherweise und einmal mehr - in die Wasserversorgung Zonnendorps.
Das Resultat ist verheerend, und weil der Trank ein ansteckendes Virus enthält, greift die Veränderung der Menschen weltweit um sich.
(© worldwide publishing rights Ballon Media B.V.)

Eine Erde, bevölkert mit grotesk deformierten Wesen - dieser Alptraum rückt am Ende des Bandes die Völker näher zueinander, weil alle Menschen dasselbe Matyrium durchgemacht haben.

Wie in den anderen "Veränderungsgeschichten" dieser Serie tritt auch hier die unerschöpfliche Phantasie der Macher in aller Deutlichkeit zutage: Die Fülle der Formen, welche die Menschen durch das Serum annehmen, scheint unerschöpflich. Damit wird praktisch das ganze Album bestritten und das Interesse des Lesers aufrecht erhalten. Der Rest der Geschichte dagegen ist vorhersehbar: Jommeke sucht und findet Gobeleijns Notizen zum Gegenmittel, und alles wird wieder normal. In diesem Band macht der Formen- und Gestaltreichtum die Geschichte aus - und die zahlreichen Gags, die davon abgeleitet werden.
(© worldwide publishing rights Ballon Media B.V.)
Ob der Band in Deutschland gut ankommen würde, ist fraglich. Für Kinder ist das ganze doch allzu bizarr und kann stellenweise sogar erschreckend wirken. Zudem wird das Tabuthema Tod eingebracht, vor dem der hiesige Markt erfahrungsgemäss zurückschrecken wird.

(© worldwide publishing rights Ballon Media B.V.)












Da das Gobelijn-Wesen keinen Mund hat, droht ihm der Tod, wenn das Gegenmittel nicht bald gefunden würde. Daran ist zu Beginn der Geschichte noch nicht zu denken, und es wird davon gesprochen, des Professors letzte Tage "so angenehm wie möglich" zu gestalten. Es erstaunt, wie gelassen die Hauptfiguren in Erwartung des qualvollen Todes ihres Freundes bleiben.
Die Stelle (und andere, ähnliche Passage in weiteren Bänden) führen vor Augen, dass die Funny-Comics in Flandern Themen enthalten dürfen, die hierzulande in dieser Sparte (bislang) nicht denkbar waren. Die unbekümmerte Art, wie hier mit den Thema Tod umgegangen wird, könnte für uns durchaus Vorbildcharakter haben. Zeitgemäss ist unser verschämter Umgang damit ja längst nicht mehr.

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